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| Der Himmel hängt bei Martin Klier zum Eingang ins Paradies voller süßer Früchte. |
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Hinterglasmalerei ist eine rare und sehr anspruchsvolle Kunst. Nur wenige beherrschen dieses Sujet derartig meisterhaft wie der in Löchgau lebende und arbeitende Maler Martin Klier. Nicht nur, dass er sein künstlerisches Handwerk perfekt versteht, beeindrucken seine Bilder zudem noch mit ihrem märchenhaften, vom surrealistischen Stil geprägten Ausdruck.
Was veranlasste Martin Klier, vor einigen Jahren seine bisherige Tätigkeit als ideenreicher Gestalter von Marionetten, die er in seinem Atelier auf dem Gelände der ehemaligen Röckerschen Nagelfabrik in Löchgau schuf, nach und nach völlig aufzugeben, um sich einer ebenso ungewöhnlichen wie auch schwierigen Maltechnik, wie es die Hinterglasmalerei nun einmal ist, zuzuwenden? Die Antwort auf diese Frage gab der Künstler sehr offenherzig: "Meine Frau und ich haben sich voneinander getrennt. Das löste bei mir den Wunsch aus, etwas ganz anderes in meinem Leben zu beginnen."
Das war im Jahr 1996. Vorangegangen war allerdings auch eine einschneidende Veränderung in seinem im Jahr 1984 begonnenen und über lange Zeiträume bestens florierenden Geschäft mit den Marionetten. Auf den Markt drängten massiv Produkte aus Asien. Sie waren in der Qualität nicht besser als die in liebevoller Detailarbeit von Martin Klier geschaffenen Figuren, aber in den asiatischen Ländern konnten diese billiger hergestellt werden. Parallel zur Marionetten-Herstellung liebte er es zu malen. Direkt vor Ort gemalte Landschaftsbilder entstanden in Öl, Acryl- oder Wasserfarben und gelegentlich wurden diese Arbeiten auch in kleineren Ausstellungen gezeigt. "Die meisten Bilder habe ich damals allerdings verschenkt", erzählte Martin Klier.
Der Künstler wurde in Neukirchen im Egerland geboren. Nach Kriegsende musste seine Familie fliehen und kam zunächst nach Bernau am Chiemsee. Sein Vater nahm im Jahr 1954 eine Stellung in Brackenheim an, weshalb ein Umzug in die Stadt im Zabergäu notwendig wurde. Später verlegte Martin Klier seinen Wohnsitz nach Bietigheim. Er liebt es zu reisen. Unter anderem unternahm er drei private Studienreisen durch Kroatien. Dabei lernte er im Jahr 1975 auch den dort lebenden, damals bereits sehr prominenten Hinterglasmaler Mijo Kovacic kennen. Eigentlich war der ein einfacher Mann vom Lande, der sogar noch Landwirtschaft betrieb. Er malte Hinterglasbilder im Stile der Naiven. Diese Arbeiten waren in jenen Jahren im damaligen Jugoslawien hoch angesehen, denn die Nachfrage nach naiver jugoslawischer Malerei war in den westlichen Ländern riesig. Die Bilder aus dem Vielvölkerstaat auf dem Balkan waren ein für das kommunistisch regierte Land hervorragender Exportschlager.
Von der Technik der Hinterglasmalerei war Martin Klier sofort fasziniert. "Ich wurde total verrückt danach. Es wurde meine Leidenschaft", bekennt er heute. Er beschloss, sich damit künftig intensiv zu beschäftigen.
Allerdings reizte ihn weniger der Stil der naiven Malerei. Ihm schwebten von Anfang an surrealistische Bildkompositionen vor. Als Autodidakt reinsten Wassers erlangte er in der Technik schon nach kurzer Zeit außerordentliche Souveränität. Zunächst gestaltet Martin Klier immer erst eine bis in kleinste Details ausgearbeitete Bleistiftzeichnung. Diese legt er unter das Sekurit-Glas. Das Bild wird danach in vielen Schichten regelrecht aufgebaut. Hellere Farbtöne trägt der Maler zuerst auf, damit die dahintergelagerten, deutlich dunkleren Farben durch diese hindurchschimmern können. Jede Schicht muss etwa drei Tage trocknen. Doch gestaltet sich der Malvorgang zugleich auch als ein Wettlauf mit der Zeit. Einerseits müssen die Farben trocken sein, bevor die nächste Schicht aufgetragen werden kann, doch zu trocken dürfen sie andererseits auch nicht sein, wenn es darum geht, bestimmte Farbnuancen auf der Rückseite des Glases zu erzielen. Fantastische und märchenhafte Werke voller kunst- und stilvoll ausgeführter Formen und Figuren regen die Sinne der Betrachter vital an. Idyllische Landschaften mit allerlei realen oder im wahrsten Sinne fabelhaften Wesen lassen sich darin entdecken. Beim Betrachten einiger Bilder, die voller Ironie oder Satire stecken, aber jedoch niemals bissig oder aggressiv sind, muss man gewissermaßen um die Ecke denken. Zum Anbeißen verlockend, im Bild harmonisch zu einem klassischen Stillleben zusammengefügt, fallen die appetitlichen Früchte auf.
Surreale Darstellungen, wie aus Mythen und Märchen nachgebildet, verbinden sich mit schwungvoll ausgeführten Elementen des Jugendstils. Das alles fasst Martin Klier in seinen Werken auf vollendete Weise zusammen. Immer wieder artikuliert der Künstler auch feinsinnigen Humor in den Arbeiten. Kraniche haben es dem Künstler offenbar richtig angetan, denn sie erscheinen häufig in seinen Werken. Es ist pure Leidenschaft, die Martin Kliers Hand führt, wenn er ein überaus farbenfrohes Fabulieren in üppiger Formensprache in Erscheinung treten lässt. Dazu kommt die Frische und die außerordentliche Leuchtkraft der lasierend aufgetragenen Ölfarben, die dem Betrachter ungeahnte Sehfreuden vermitteln können.
Mit liebevoller Ironie malt der Künstler ein etwas anderes Bild von der Wirklichkeit. In seinen Werken ist immer etwas in Bewegung, schweben Luftballone, bunte Vögel, fantastische Fluggeräte über einem tiefblauen Himmel. Auf dem Boden, auf Bäumen oder auf Gewässern tummeln sich die wunderbarsten Fabelwesen, mitunter sind es auch ausgesprochen schöne Menschen.
Von üppigem Formenfluss mit Ornamenten, Girlanden, Blüten, und großblättrigen Pflanzen werden etliche Szenarien umrahmt. Bisher schuf Martin Klier mehr als 100 wunderbare, die Augen betörende Hinterglasbilder. In einem Text zu einer Ausstellung von Martin Klier im Rathaus von Bönnigheim, die im Frühjahr 2007 dort stattfand, hieß es unter anderem: "Fast alles ist möglich in den erzählfreudigen Bildern, nur eines nicht: Langeweile!" Ohne Frage, Martin Klier hat einen besonderen Blick für die Natur. Um diesen aber zu schärfen und um daraus ein neues Bild zu schöpfen, muss der Maler ein Perfektionist sein. Er erzählte, dass ihn der Gedanke an ein neues Bild mitten in der Nacht aus dem tiefsten Schlaf reißen würde oder dass er erst gar nicht in der Lage wäre, ein Auge zuzubekommen. In diesem Sinn kann man Martin Klier eigentlich nur viele schlaflose Nächte wünschen, damit er weiterhin Hinterglasbilder malen kann, in denen Märchen, Träume und die zauberhaftesten Visionen wahr werden. TEXT: RUDOLF WESNER FOTOS: MARTIN KALB |